Ich spreche ausschließlich von „Tätern“. Mir ist bewusst, dass auch Frauen sexualisierte Gewalt ausüben und dies weit häufiger als angenommen. Der prozentuale Anteil ist allerdings so gering, so dass die Realität verzerrt würde, spräche ich von Täter_innen.

Mir ist die damit einhergehende Problematik bewusst, dass sich einige, die Gewalt durch Frauen erlebt haben, unsichtbar fühlen können.
Ich bin mit der jetzigen Lösung auch nicht wirklich zufrieden, sie erschien mir aber als das kleinere Übel.

Sonntag, 12. Januar 2014

Sexualität, Gewalt und Männerbilder


Sexualität, Gewalt und Männerbilder

Sexualisierte Gewalt ist in der Wahrnehmung fast ausschließlich männlich. Wer denkt beim Wort Vergewaltigung nicht an einen männlichen Täter und ein weibliches Opfer?

In unserer patriarchal geprägten Gesellschaft wächst kaum ein Mädchen auf, ohne vor Jungs und Männern als potentiellen Gewalttätern gewarnt zu werden. Unsere Gesellschaft ist von sexualisierter Gewalt dermaßen durchseucht, dass wir vieles überhaupt nicht mehr (bewusst) wahrnehmen, weswegen diese Warnungen in der Regel nicht hinterfragt werden („Männer sind so“). Ebenso wenig hinterfragt wird die damit einhergehende Einschränkung der Bewegungsfreiheit oder auch verbale Belästigungen Klick. Gewisse Orte werden gänzlich oder zu bestimmten Zeiten gemieden und dies wird als gegeben, als „normal“ hingenommen. Frauen, die sich nicht daran halten, sind ganz schnell „selber schuld“, wenn ihnen etwas zustößt, anstatt in Frage zu stellen, wie es sein kann, dass die Hälfte der Bevölkerung in ihrer Mobilität beschränkt und die Täter aus ihrer Verantwortung entlassen werden, nur weil Frau zur „falschen Zeit“ am „falschen Ort“ war. Sexismus und sexualisierte Gewalt werden nicht als gesellschaftliches Problem wahrgenommen, sondern, bedingt durch die angeblich aggressive männliche Sexualität, als naturgegeben hingenommen.

Hier werden ganz bestimmte Rollen- und Geschlechterklischees vermittelt. Eine Hälfte der Bevölkerung wird vor der anderen gewarnt, während die andere Hälfte zum Teil aus der Verantwortung für ihr Handeln entlassen wird. Männer und männliche Sexualität werden als potentiell oder tendentiös gewalttätig dargestellt. Die immer gleichen stereotypen Rollenbilder werden reproduziert: Die Frau als Opfer des Mannes und der Mann als Opfer seiner Triebhaftigkeit. Was macht dies mit Frauen und Männern und was macht es mit einer Gesellschaft insgesamt? Unter welchem Druck stehen Männer, wenn sie meinen, diesem Männerbild entsprechen zu müssen[20]? Welches Bild von Sexualität wird vermittelt, wenn diese immer wieder mit Gewalt in Verbindung gebracht wird? Wir können uns der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse und der daraus resultierenden Herrschafts- und Machtzusammenhänge nicht ohne weiteres entziehen, aber wir können versuchen gegenzusteuern, in dem wir zum Beispiel auf eine geschlechtsneutrale Sprache achten. So wie wir Sexismen, Rassismen und Speziesismen meiden, sollten wir auch auf Geschlechterstereotype reproduzierende Beispiele und Vergleiche verzichten.

In seinem Buch „Feindbild Frau“[21] zeigt der Sozialpsychologe Prof. Rolf Pohl auf, wie entscheidend auch in westlichen Gesellschaften Frauen ausschließende männliche Initiationsriten und die gesellschaftliche Abwertung von Frauen, für die kulturelle Entstehung vorherrschender Männlichkeit und die Verbindung von Sexualität und Aggressivität, sind.

So auch Trepper und Barret[22], die untersucht haben, welche Faktoren eine Familie anfällig für innerfamiliäre sexualisierte Gewalt machen: Männliche Dominanz über Frauen und Kinder wird in diesen Familien zumindest stillschweigend toleriert, rigide Geschlechterrollen gelebt.

Gesellschaften mit gleichberechtigten Geschlechterverhältnissen sind friedfertiger als patriarchale oder solche, in denen ein Geschlecht die Vorherrschaft hat. So sollen die sagenumwobenen Amazonen keineswegs friedlich, sondern kriegerisch und grausam gewesen sein.[21][23]

Gewalt und Sprache - „Gefickt werden“

Eine häufig verwendete, Sexualität und Gewalt verbindende Redensart ist „gefickt werden“. Die Bloggerin Veganfeminist hat einen sehr guten Blogeintrag[24] zu diesem Thema geschrieben, in dem sie beschreibt, wie „ficken“ (im Kontext von „gefickt werden“) zur Abwertung und Erniedrigung anderer benutzt wird. „Ficken“ als Synonym für Gewaltausübung. Auch hier werden wieder Rollenklischees bedient. „Ficken“=Mann=Macht, Stärke, aktiv; „Gefickt werden“=Frau=Ohnmacht, passiv, hilflos, schwach. Und wieder die Assoziation Männer und männliche Sexualität seien dominant, aggressiv, gewalttätig, „böse“.

Gerade für Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben und die versuchen ein „normales“ oder vielleicht besser: gesundes Verhältnis zur Sexualität zu entwickeln, ist es fatal, immer wieder mit der Verbindung von Sexualität und Gewalt und dem Klischee vom „bösen Mann“ konfrontiert zu werden. Eigentlich sollten Sexualität und erzwungene Gewalt[25] doch ganz weit voneinander entfernt sein. Aber auch für Nichtbetroffene bleiben diese gewaltvolle Sprache und die ständige Reproduzierung von Stereotypen nicht ohne Folgen. Wie eingangs erwähnt, haben wir alle bestimmte Bilder im Kopf, wenn wir von sexualisierter Gewalt sprechen oder hören und diese manifestieren sich unbewusst.


Der Mann als Opfer

Fatale Auswirkungen hat dieses Männerbild auch auf Männer, die Opfer sexueller Übergriffe oder von Vergewaltigungen wurden, da diese dem hegemonialen Männerbild diametral entgegenstehen. Der Mann ist als Opfer nicht vorgesehen. Männer zeigen Vergewaltigungen noch weit seltener an als Frauen. Die Scham ist noch größer. Männer müssen sich nicht nur die gleichen erniedrigenden Fragen stellen lassen, die auch Frauen gestellt werden, sie werden zusätzlich noch als Männer lächerlich gemacht, ihre Männlichkeit in Frage gestellt, schließlich erfüllen sie nicht die gesellschaftlichen Erwartungen von Macht, Dominanz und Stärke. Sie werden in die Rolle der gesellschaftlich und kulturell unter dem Mann stehenden Frau gedrängt. „Einem „richtigen Mann“ passiert so etwas nicht. Die meisten Beratungsstellen bieten Beratung allenfalls noch für Jungen an. Für erwachsene Männer, die als Kinder sexualisierte Gewalt erlebt haben, gibt es nur sehr wenige Beratungsstellen. Beratungsstellen nach dem Vorbild der Frauennotrufe für jene, die als Erwachsene einen sexuellen Übergriff erlebt haben, gibt es überhaupt nicht. Die Betroffenen bleiben mit ihrer Not alleine[26][27].

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V*rg*w*lt*g*ng und Mensch-Tier-Vergleiche


Vergewaltigung und Mensch-Tier-Vergleiche

Besonders das Zwangsschwängern von Kühen wird häufig als Vergewaltigung bezeichnet. Selbstverständlich können Kühe, so wie alle anderen Tiere auch, vergewaltigt werden (siehe Zoophilie). Die hinter einer Zwangsbesamung stehende Absicht ist jedoch eine völlig andere. Vergewaltigung ist (außer in pathologischen Fällen) ein Herrschaftsinstrument. Auch dort, wo Männer unter sich sind, beispielsweise im Gefängnis oder im Krieg[28], wird Vergewaltigung als Macht- und Kontrollinstrument eingesetzt. Heterosexuelle Männer vergewaltigen andere Männer, um sie zu unterwerfen und extrem zu demütigen. Sie entmännlichen sie, indem sie ihnen den weiblichen Part aufzwingen. Auch in Frauengefängnissen ist diese Praxis zur Unterwerfung üblich. Frauen vergewaltigen andere Frauen mit Händen oder Gegenständen oder zwingen diese zu sexuellen Handlungen klick.

Eine Kuh künstlich zu besamen, geschieht hingegen aus rein wirtschaftlichem Interesse. Für den, der die Besamung vornimmt, ist die Kuh nichts weiter als ein Verbrauchs- und Reproduktionsgut. Was den Kühen widerfährt, ist schreckliche Gewalt. Ich würde es aber nicht Vergewaltigung nennen. Es ist die einfachste und billigste Methode, Kühe zu schwängern. Vergewaltigung ist kein Universalwort für jedes Eindringen in einen Körper (zum Beispiel auch aus medizinischen Gründen) oder gar für jede Form von Gewalt. Hier ist eine stärkere Differenzierung notwendig.

Vergewaltigung im Kontext einer patriarchalen und speziesistischen Gesellschaft

Isoliert betrachtet ist der Vorgang bei einer Zwangsschwängerung, das gewaltsame Eindringen in einen Körper, der gleiche und wird von den Betroffenen (egal welcher Spezies) vermutlich gleich oder zumindest ähnlich empfunden. Im Gegensatz zur Vergewaltigung geschieht dies beim Zwangsschwängern jedoch nicht mit der Motivation, das betreffende Tier zu unterdrücken, zu demütigen und zu verletzen, auch wenn der Vorgang als solcher so erlebt werden kann (und mutmaßlich so erlebt wird). Wenn man den Vorgang aber nicht mehr isoliert, sondern aus einem gesamtgesellschaftlichen und insbesondere aus einem (radikal)feministischen Kontext heraus betrachtet, wird deutlich, dass Vergewaltigung seit jeher, vor allem gegenüber Frauen, als Macht- und Unterdrückungsinstrument und zur sozialen Kontrolle eingesetzt wird. Frauen, die in ständiger Angst vor Vergewaltigung leben, sind weniger frei und auf männliche Beschützer angewiesen, was zusätzliche Macht und Kontrolle ermöglicht, denn Frauen sind auf den guten Willen der vermeintlichen Beschützer angewiesen. Ich würde die Verwendung des Begriffs Vergewaltigung daher an der Absicht festmachen. Dies können andere aber durchaus anders sehen. Hier ist sicher noch einiger Diskussionsbedarf.

Es geht (mir) also keineswegs darum, Verbrechen an Tieren ab- oder anders zu bewerten als gleiche Verbrechen an Menschen. Bei Mord ist der Fall klar: Mord ist immer vorsätzlich und/oder hat besonders verwerfliche Begleitumstände, sogenannte “Mordmerkmale“, wie zum Beispiel Habgier; im Gegensatz zu Totschlag oder fahrlässiger Tötung. Wenn ich allerdings einem erkrankten Hund, gegen seinen Willen, ein Fieberthermometer in den Hintern einführe (mir ist kein Hund bekannt, der das freiwillig zuließe), dann vergewaltige ich den Hund nicht, auch wenn der Hund das durchaus als Vergewaltigung empfinden kann. Selbstverständlich ist eine notwendige medizinische Handlung nicht mit einer nicht notwendigen Zwangsbesamung vergleichbar. Mir geht es hier um die Verdeutlichung der Differenzierung des Begriffs.

Zudem ist der Vergleich zwischen Menschen und Tieren problematisch, da Tiere in unserer speziesistischen Kultur in den Augen der Mehrheitsgesellschaft auf einer niedrigeren Stufe stehen. Die Verwendung von Vergleichen oder Gleichsetzungen, um das Leid von Tieren aufzuwerten, funktionieren daher in einer strukturell speziesistischen Gesellschaft nicht. Diese Vergleiche werden außerhalb von Tierrechtskreisen als Abwertung des Menschen aufgefasst. Dass dies nicht die Intention hinter solchen Vergleichen ist, ändert daran nichts.

Man muss traumatisierte Menschen nicht verletzen und ihnen damit weitere Gewalt antun. Damit verringert man weder das Leid der Tiere, noch fördert man eine sachliche Auseinandersetzung mit der Thematik, sondern präsentiert Tierbefreiung und Tierrechte als menschenverachtende Ideologien und befeuert zusätzlich die Kritik am Antispeziesismus.

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Die Gewalt von Worten


Die Gewalt von Worten

Als im Herbst 2012 in der Zeitschrift TIERBEFREIUNG[29] Nr 76 erstmals in einem Artikel die Opferperspektive[30] (Perspektive der „Gequälten“) thematisiert wurde, war ich sehr erfreut, dass dieses Thema endlich aufgegriffen wird. Ein Gegenartikel in der nächsten Ausgabe[31] der TIERBEFREIUNG machte meine Hoffnung völlig zunichte.

Im Gegenartikel heißt es unter anderem:

Möglicherweise ist das Leben vor dem Tod für ein Rind aufder grünen Wieseangenehmer als in Anbindehaltung in einem dunklen, nach Fäkalien stinkenden Stall.

Offensichtlich hält die Autorin hält es für möglich, dass es einem Rind egal wäre, ob es in einem dunklen, stinkenden Stall oder „auf der grünen Wiese“ steht. Im Weiteren geht es darum, ob und warum neue Verordnungen zu Käfiggrößen in der Pelztierhaltung „begrüßt“ werden können:

Dies aber eben nicht, weil es den Tieren damit besser geht, sondern weil dies voraussichtlich das Aus für Pelzfarmen bedeuten wird, somit eine reformistische Idee zu einer abolitionistischen Umsetzung führt. Das kann in anderen Fällen aber nicht vorausgesetzt werden.“

Das klingt, als wäre es gleichgültig, wie es den Tieren bis zur real umsetzbaren Abschaffung ihrer Ausbeutung geht. Tierleid scheint nur abstrakt oder allenfalls als Randaspekt zu existieren und nur dann relevant, wenn es darum geht, andere von der Notwendigkeit des Veganismus zu überzeugen. Das hört sich nach Stellvertreter_innenpolitik an, bei der die Interessen der Stellvertreter_innen im Vordergrund stehen und nicht die Interessen der Vertretenen. Ein Spruch wie beispielsweise: Ich setze mich nicht für größere Käfige ein, sondern für die Abschaffung aller Käfige ist aus der privilegierten Position von außerhalb des Käfigs leicht dahin gesagt. Wenn man im Käfig sitzt und dort bis zum Lebensende nicht mehr raus kommt, sieht die Welt anders aus.

Ich gehe davon aus, dass der Autorin das Leid der betreffenden Tiere nicht egal ist und ihr nicht bewusst war, wie ihre Worte aufgefasst werden können. Ich hatte die Autorin auf ihren Artikel hin angeschrieben und meine Perspektive geschildert. Eine Antwort erhielt ich leider nicht. Ob kein Interesse an einem Austausch bestand oder andere Gründe vorlagen, weiß ich nicht.

Mir ist bewusst, dass was ich schreibe, auf viele zunächst irritierend oder vielleicht sogar verstörend wirken kann. Schließlich ist es ein Dogma, dass es im Sinne der Opfer ist, sich nicht für Verbesserungen einzusetzen. Folgende Aussage habe ich so, oder ähnlich, schon oft gehört:

Ich sehe nur Erfolge, wenn Opfer nicht mehr gequält werden und nicht, wenn lediglich an der Intensität des Quälens geschraubt wird, das Todesurteil aber unangetastet bleibt. Das sehe ich einfach aus Opfersicht und aus dieser Perspektive wurde nichts erreicht, solange das eigene Leben nicht gerettet wird.

Das ist keine Opferperspektive. Wenn das Todesurteil feststeht, wieso sollte es dem Opfer dann egal sein, ob und in welchem Ausmaß es zuvor gequält wird? Selbstverständlich macht ein schönes Leben vor dem Tod, den anschließenden Mord nicht gut oder besser. Die Aussage aber (und die damit einhergehende Anmaßung), es sei daher egal, ist eine Verhöhnung leidensfähiger Lebewesen.

Ich möchte nicht für Reformen werben, falls ich dahingehend missverstanden werde, sondern für eine andere Wahl rhetorischer Mittel und dafür, das eigene Denken nicht auf die Opfer zu projizieren. Was die tierlichen Opfer denken, können wir nicht wissen. Die menschlichen Opfer könn(t)en für sich selbst sprechen. Sie könn(t)en dies, würde man ihnen mit der notwendigen Rücksichtnahme und Sensibilität begegnen und würde man ihnen überhaupt zuhören. Und natürlich, wenn sie persönlich so weit sind, darüber zu sprechen.

Unterschiedliche Perspektiven

Wir alle sind unterschiedlich sozialisiert und haben daraus resultierend andere Blickwinkel. Es ist sinnvoller, MITeinander zu reden anstatt ÜBEReinander. Wenn zwei das gleiche sagen, meinen sie noch lange nicht dasselbe. Mein Artikel zeigt, wie sehr und vor allem wie lange Menschen aneinander vorbeireden können. Um andere zu verstehen, ist es hilfreich, sich auf deren Perspektive einzulassen. Das heißt nicht, dass man diese Perspektive einnehmen oder richtig finden muss, aber man kann sie sich wenigstens anschauen. Mir ist das sehr schwer gefallen. Der Austausch mit Nichtbetroffenen war sehr anstrengend. Ich war oft verletzt und wütend, weil die Menschen mich entweder überhaupt nicht oder falsch verstanden haben. In der Vergangenheit hätte das zu Kontaktabbrüchen meinerseits geführt. Ich habe das erstmals ausgehalten und dabei gelernt, wie sehr meine Weltsicht von der Weltsicht Nichtbetroffener abweicht.

Abschließend

Was ich geschrieben habe, ist in weiten Teilen stark subjektiv, aber wie ich eingangs schon erwähnte, kenne ich sehr viele andere Betroffene und deren Situation. Während des Schreibens habe ich zwei weitere Betroffene aus der Bewegung kennengelernt, die es ebenfalls wichtig finden, dass dieses Thema endlich angesprochen wird. Sowohl was diese Vergleiche selbst angeht, als auch die Sichtbarmachung der Opferperspektive. Wenn ich vom "Total Liberation"-Ansatz ausgehe - für die Befreiung von Mensch und Tier -, dann darf ich mich als menschliches Gewaltopfer durchaus angesprochen fühlen und zu Wort melden. Doch selbst wenn das alles nur mich beträfe, besteht noch immer das Problem der gewaltvollen, Geschlechterstereotype reproduzierenden Sprache, die in einer sich als emanzipatorisch begreifenden Bewegung, die neben dem Mensch-Tier- auch das Geschlechterverhältnis in Frage stellt, befremdlich wirkt.

Mein Anliegen ist für das Thema zu sensibilisieren und das Bewusstmachen, was in bester Absicht vorgetragene Vergleiche, bei Betroffenen ungewollt anrichten können.

Die genannten Vergleiche sind auf verschiedenen Ebenen problematisch. Allein das Wort Vergewaltigung kann auf Betroffene traumatisierend wirken. Dann der zum Teil unreflektierte, gedankenlose Umgang mit dem Thema sexualisierte Gewalt und die Anmaßung, für andere zu sprechen, obwohl (bei menschlichen Gewaltopfern) die Möglichkeit besteht, nachzufragen, wie sie das sehen. Und schließlich die bisherige Praxis der völligen Ausblendung der Opferperspektive die auf menschliche Betroffene grausam und kalt wirken kann.

Ich persönlich würde mich am meisten von jenen vertreten fühlen, die einerseits alles tun, um das Übel abzuschaffen und sich gleichzeitig dafür einsetzen, das Leid im Hier und Jetzt zu verringern. Ich empfinde das keineswegs als Legitimierung der Ausbeutung und erst recht sehe ich darin keinen Widerspruch, sondern eine logische Konsequenz und realistische Einschätzung der Handlungsmöglichkeiten unter den aktuellen Rahmenbedingungen (im Kapitalismus). Alles andere wäre für mich Verrat, solange unklar ist, ob Reformen zur Abschaffung von Ausbeutung führen, die Abschaffung verhindern oder verlangsamen. Es gibt keine Forschung zum Thema, nur Vermutungen und Behauptungen, aber nichts Empirisches. Sollte sich herausstellen, oder zumindest vieles darauf hindeuten, dass Reformismus dem Erreichen der Abschaffung tatsächlich hinderlich ist, würde ich mich dem nicht verweigern. So wie ich keine Tiere aus Zoohandlungen freikaufe, um sie zu „retten“, weil klar ist, dass ich so einen Anreiz für Züchter_innen schaffe, immer mehr Tiere zu „produzieren“. Mir ist aber bewusst, dass ich diese Entscheidung aus der privilegierten Position des Nichtbetroffenseins heraus fälle.

Durch das Bestehen auf Meinungshomogenität und Definitionshoheit über Sinn oder Schaden von Reformen, die an keiner Stelle belegt oder bewiesen werden können, werden Menschen abgewertet und ausgeschlossen. Davon abweichende Meinungen werden als der Bewegung schadend und diese verwässernd dargestellt und zumeist umgehend unterbunden und als falsch bezeichnet. Sich auch – nicht ausschließlich – für Verbesserungen im Hier und jetzt einzusetzen, wird mit mangelnder Konsequenz gleichgesetzt, obwohl kein Zusammenhang besteht. Ich kann das Mensch-Tier-Verhältnis radikal in Frage stellen und mich dennoch für Verbesserungen einsetzen.


Eine von vielen Betroffenen sexualisierter Gewalt


Danke an Mizz, Tina, Janis und Emil fürs Gegenlesen und Hilfe beim Strukturieren. 




Fußnoten


1 Diese Zahlen (8,3% (m) und 25,2% (w) Betroffene) werden häufig auf Informationsseiten zum Thema genannt und basieren auf einer Studie anhand von Therapieprotokollen.  http://www.uniprotokolle.de/Lexikon/Kindesmissbrauch.html In Internationalen Studien (USA und Westeuropa) wird relativ übereinstimmend von etwa 30% Frauen und 10% der Männer berichtet. Mir erscheint der Anteil der Männer jedoch als zu gering. Siehe hier Angelika Birck: Doktorarbeit "Die Verarbeitung sexueller Missbrauchserfahrng in der Kindheit", 2001, S. 6 http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CDMQFjAA&url=http%3A%2F%2Fkups.ub.uni-koeln.de%2F480%2F1%2F11w1106.pdf&ei=79TTUoWhJ4SatQa0pICYCw&usg=AFQjCNE8s3vRzxEbi4hTn6AB5tM3eS_73A&sig2=GnAPH5Yqa4_0CYYvGn77sw&bvm=bv.59026428,d.Yms


2 Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums haben 13 % der befragten Frauen, also fast jede siebte Frau, gaben an, seit dem 16. Lebensjahr Formen von sexueller Gewalt erlebt zu haben, die sich auf die oben beschriebene enge Definition strafrechtlich relevanter Formen erzwungener sexueller Handlungen beziehen. 40 % der befragten Frauen haben – unabhängig vom Täter-Opfer-Kontext – körperliche oder sexuelle Gewalt oder beides seit dem 16. Lebensjahr erlebt (35 % allein nach den Angaben im mündlichen Fragebogen). Unterschiedliche Formen von sexueller Belästigung haben 58 % der Befragten erlebt. http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=110360.html



5  http://pandora.nla.gov.au/pan/57145/20070927-0000/www.abolitionist-online.com/interview-issue05_gary.yourofsky.html



8 https://animalliberationpressoffice.org/NAALPO/contact/

9  http://www.animalliberationfront.com/ALFront/alf_credo.htm


11 Hier ist anzumerken, dass ich dem linksautonomen Spektrum entstamme und "hart sein" dort (zumindest bis Ende der 1990er Jahre) bisweilen ziemlich zelebriert wurde und hier erschien es mir ähnlich.

12 Theodor W. Adorno: "Probleme der Moralphilosophie", Frankfurt am Main 2010, S. 16F


14 10 3096 Tage. List Verlag, Berlin 2010. ISBN: 978-3-471-35040-9

15 Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Spannbreite liegt bei 5 bis 8 Erwachsenen. http://www.dw.de/mehr-schutz-f%C3%BCr-kinder/a-16520831






21 Rolf Pohl: Feindbild Frau - Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen


22 Trepper und Barett: Familientherapie bei Inzest, 1991



25 Nicht auf Konsens beruhend wie beim SM/BDSM, die Praktiken beinhalten können, die landläufig als Gewalt bezeichnet würden.


27 Thomas Schlingmann: Die gesellschaftliche Bedeutung sexueller Gewalt und ihre Auswirkung auf für männliche Opfer http://www.tauwetter.de/infobera/artikel.htm (runter scrollen, ist ein PDF, keine Ahnung wie ich das verlinken kann) Die umfangreichste Sammlung an Texten und Links für Männer findet sich bei www.tauwetter.de

28 http://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-geachteten 2008 wurde von der UN eine Resolution verabschiedet, nach der sexuelle Gewalt als Kriegswaffe eingestuft wird. http://gwi-boell.de/web/un-resolutionen-un-resolutionen-1642.html


30 „Der schwierige Balanceakt zwischen Kritik und Toleranz“, TIERBEFREIUNG 76

31 „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, TIERBEFREIUNG 77